Freitag, 22. Juni 2018

Blau, blau, blau...

…strahlt der Himmel heute. Und der Enzian ist mir egal. Dass sich die zweite Junihälfte noch so schön präsentiert – diese Wette hätte ich ohne Wenn und Aber verloren. Heute ist die Luft dank Nordwind sehr klar und die Temperaturen angenehm. Bei rund 14 Grad starte ich am späteren Morgen. Vorsichtshalber ist auch eine Jacke in den Rucksack gewandert. Ich nehme wieder mal das Fatbike, die Harley unter den Mountainbikes. Da die Kette defekt ist, startet die Tour mit leichter Verrenkung über Wangen an der Aare. Mit neuer Kette geht es danach rüber und rauf Richtung Niederbipp und durch die Klus nach Balsthal...
 
Leider ist der Schaden bereits angerichtet: Die defekte Kette hat scheinbar das grosse Kettenblatt in Mitleidenschaft gezogen. Als ich in Niederbipp die Strasse queren will bzw. muss und mit etwas Druck ins Pedal trete, knallt es, und die Kette fällt vom Blatt. Ein Autofahrer weiss sofort Rat und hupt wie… wie ein Autofahrer halt. Doch zu beiderseitigem Entsetzen springt der Antriebsstrang dadurch trotzdem nicht zurück aufs Kettenblatt. Schade, aber es war bestimmt guter Wille. Sonst läge ja der Gedanke nahe, das Gehupe sei völlig unnütz gewesen. Egal. Der Himmel ist so blau wie selten, und ich fühle mich sehr gut...
 
Ein Sommertag, wie ich ihn liebe. Der Schweiss tropft nicht so stark wie auch schon. Richtung Osten, Süden und auch Westen sind jedoch ein paar dichtere Wolkenfelder erkennbar. Es scheint, als wäre Norden heute genau die richtige Wahl. Mit etwas Auf und Ab geht es von Höngen zum Hof Grossrieden, wo der Aufstieg zum Brunnersberg ansteht. Ein Uphill, den ich so gut wie nicht kenne. Zu unrecht. Alles auf Naturstrasse (mit zwei Gattern) klettert das Fattie brav den Hang hinauf. Auf den letzten paar Hundert Metern wird der Weg dann deutlich flüchtiger und steiler. Aber mit Verlusten fahrbar. Mit Blutverlusten, meine ich...


Burgruine Neu Falkenstein
Schloss Neu Falkenstein
Kühe auf der Jurawiese
Brunnersberg, 1180 m
Bergweg zum Matzendörfer Stierenberg
Unterwegs zum Matzendörfer Stierenberg
 
Ein Dornenstrauch hat sich dermassen in meinen linken Arm verliebt, dass er ihn kaum noch loslassen will und mir so eine ordentliche Kratzverletzung zufügt. Was sich liebt, das neckt sich. Alles halb so schlimm. Kurz geweint, Tränen und Blut abgewischt, und weiter geht es über den Brunnersberg. Etwas später sitze ich alleine auf der Terrasse des Restaurants Matzendörfer Stierenberg auf knapp 1200 m. Die 11 Grad fühlen sich mit dem mässigen Wind einigermassen kühl an – vor allem, wenn man nicht mehr in Bewegung ist. Dank der Sonne bleibt die Jacke aber dennoch im Rucksack...
 
Etwas später geht es an Kühen vorbei hinab zum Scheltenpass und hoch zur Hohen Winde auf 1204 m, die ich schon eine Weile verschmäht habe. Hier bin ich einige Minuten mit weiteren Kühen alleine, bevor eine Gruppe von etwa 15 Wanderern eintrifft. Von der Hohen Winde sieht man ins Val Terbi sowie auf Basel und Laufen samt Umgebung. An klaren Tagen erkennt man auch die Vogesen und den Schwarzwald. Heute ist es recht klar. Nach der kurzen Pause nehme ich den Downhill zum Vorderen Erzberg, wo mir ein paar schiebende Biker entgegenkommen...


Blick vom Matzendörfer Stierenberg ins Guldental
Blick ins Guldental
Kühe am Wegrand auf 1200 m
Kühe beim Matzendörfer Stierenberg
Fatbike auf der Hohen Winde
Hohe Winde, Blick Richtung Laufen
Kühe auf der Hohen Winde
Hohe Winde (Basel im Hintergrund)
Pfad von der Hohen Winde zum Vorderen Erzberg
Abfahrt zum Vorderen Erzberg
Aussichtsreicher Weg Richtung Passwang
Auf dem Weg vom Erzberg zum Passwang
 
Die nun folgende Strecke rüber zum Passwang kennt das Fattie bereits von einer Schneetour im Februar 2018. Ohne Schnee geht es allerdings etwas flotter über die Trails. Beim Passwang sind noch rund 1000 m Meereshöhe übrig. Ich nehme noch die wenigen Höhenmeter zur Wechtenegg, dann geht es definitiv runter. Die Umfahrung des Hofes Heiterberg ob Mümliswil auf einem nicht auf der Karte eingezeichneten Weg misslingt. Der eigentlich sehr schöne Singletrail endet direkt an der Rückseite des Hofes. Der Hund bellt sofort los, und der Bauer schaut um die Ecke. Was wird jetzt passieren?
 
Beisst der Hund zu? Oder wird sich der Bauer, nachdem ich so viele Kühe auf dieser Tour getroffen habe, als Holzbock entpuppen, der mich gleich ordentlich zusammenscheisst? Weder noch! Im Gegenteil: Der Mann ist sehr freundlich, beruhigt den Hund, öffnet mir das Tor, lässt mich über den Sitzplatz laufen und erklärt mir sogar, wo ich wohl falsch abgebogen sei. Das nächste Mal muss ich besser aufpassen, aber so ein abzweigender Pfad ist halt nicht immer leicht zu erkennen. Ich fahre hinab, passiere das Dorf Mümliswil, dann Balsthal...


Blick zum Hof Goris und aufs Dorf Mümliswil
Blick vom Beinwilberg (hinten Mümliswil)
Fatbike auf der Wiese
Grün und Blau auf der Wechtenegg
Blick Richtung Alpen von der Wechtenegg
Blick von der Wechtenegg auf Mümliswil
 
Einige Zeit später erreiche ich wieder die Aare und mache mich dann am Steinbachweiher vorbei an den Rest. Dass es am Ende über 80 Kilometer werden, erstaunt mich ein wenig. Dennoch frage ich mich, ob ich diesen Hammertag wirklich ausreichend genutzt habe. Die stille Antwort lautet schliesslich ja…
 

Höhenprofil
 

 
Tourdaten: Weite 83,0 km / Höhe 1830 m / Fahrzeit 5:37 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Hohe Winde / Passwang
 

Dienstag, 19. Juni 2018

No einisch rundume...

Endlich hat der Juni 2018 aus seinem Tief gefunden und arbeitet nun mit Hochdruck an schönem Wetter. Und ich habe das Luxusproblem, gleich zwei Tage für die aktuelle Tour zur Auswahl zu haben. Heute oder morgen, 26 Grad mit Bise oder 29 Grad ohne Wind? Die Entscheidung fällt nicht allzu schwer, auch wenn Bise für die heutige Tour nicht ideal ist. Aber es ist nicht der Zeitpunkt, um auf hohem Niveau zu jammern. Nichts wie raus. Um 09.00 Uhr startet die Tour, die ich bereits am 7. September 2015 in ähnlicher Form gefahren bin. Zuerst dem Inkwilersee entlang, dann ein Singletrail im Wald, durch Deitingen und weiter an die Aare. Dieser folgend, danach ein kurzer, hässlicher Abschnitt auf der Hauptstrasse, und schliesslich geht es bei Riedholz in den Wald, wo der Weg ansteigt...

In diesem Wald gibt es einen weiteren Singletrail, der allerdings zum Teil ziemlich ramponiert ist. Es folgt das Dorf Rüttenen, und schon geht es wieder in den Wald – diesmal für längere Zeit. Mit leichtem Auf und Ab fahre ich im Mittel auf zirka 700 m Höhe Richtung West bis Südwest. Weder von Solothurn noch von Grenchen bekomme ich irgendetwas mit. Es ist alles herrlich ruhig. Nur gerade einem Eichhörnchen begegne ich. Und dabei erschrecke ich deutlich mehr als das Tier, das mich nur anschaut, statt zu fliehen. Der Tag ist wohl selbst ihm zu schön, um zu hasten. Etwas später führt mich ein schmaler Waldpfad unauffällig über die Kantons- und Sprachgrenze...

Beim anschliessenden kurzen Downhill in die Combe bei Romont taucht zu meiner Rechten etwas überraschend ein üppiger, in den Trail hineinragender Brennnesselstrauch auf. Mit einem Schlenker weiche ich elegant aus – erwische dabei allerdings einen nicht minder üppigen Strauch auf der linken Seite. Damit wäre dies auch besprochen. Etwas roter als zuvor geht es leicht steigend durch das Dorf Romont, dann führt mein Weg weiter hinauf zum Bözingenberg oberhalb von Biel, wo auf rund 900 m erstmals der Bielersee ins Blickfeld rückt. Es folgt ein cooler Singletrail, dann ein ausgewaschener, vorübergehend etwas breiterer Weg runter nach Frinvillier oder zu Deutsch Friedliswart. Knappe 400 Höhenmeter sind somit wieder vernichtet...
 

Blick durch die Bäume auf Plagne
Plagne
Blick vom Bözingenberg auf Biel und den See
Bözingenberg
Grüner Weg über die Höhe des Twannbergs
Twannberg auf 1070 m
 
In diesem "Loch" am nördlichen Ende der Taubenlochschlucht wollte ich nicht wohnen. Zumal auch noch Schnellstrassen und eine Bahnlinie den Ort einkapseln und überspannen. Rasch geht es wieder hinauf Richtung Magglingen. Hier fahre ich an der Sportschule vorbei, dann folgen noch ein paar weitere Höhenmeter zum höchsten Punkt der Tour auf 1092 m, der völlig unspektakulär auf einem Forstweg liegt. Die Bise weht mir leicht in den Rücken und verwehrt mir so die angenehme Kühlung. Aber das Jammern auf hohem Niveau wollte ich ja unterlassen. Jetzt geht es erst mal runter über den Twannberg. Dabei habe ich mal breitere, mal schmale Wege unter den Stollen. Die Twannbachschlucht ist kein Ziel, zumal dort ein Veloverbot gilt...

Stattdessen bewege ich mich dem Hang entlang weiter leicht abwärts. Bei Schernelz endet der Wald und gibt den Blick auf den nahen Bielersee frei. Hier befindet man sich etwa 150 Höhenmeter über dem See. Der Blick darauf ist herrlich. Es folgt ein knapp drei Kilometer langer Singletrail durch den Wald parallel zum See. Zuerst führt der Pfad abwärts, dann leicht auf und Ab. Schliesslich finde ich mich in den Rebbergen bei La Neuveville wieder. Durch die Altstadt geht es an den See, dann einen Moment diesem entlang. Ein kurzer Abstecher in den Kanton Neuenberg bei Le Landeron, schon ist der westlichste Teil des Sees erreicht. Jetzt wechselt die Fahrtrichtung allmählich von West auf Süd...
 

Lamboing und Diesse mit Chasseral im Hintergrund
Plateau de Diesse
Blick durch die Rebberge auf Bielersee und Petersinsel
Blick bei Schernelz-Festi auf den Bielersee
Kleines Strandbad mit Dusche am Bielersee
Dusche am Bielersee bei Le Landeron

Ich folge dem Canal de la Thielle, welcher den Bielersee mit dem Neuenburgersee verbindet, passiere eine Brücke und folge dem Kanal, der jetzt Zihlkanal heisst, noch etwas weiter. Damit endet mein Ausflug in die frankophone Schweiz für heute. Die Sankt Petersinsel lasse ich diesmal aus. Stattdessen nehme ich die wenigen Höhenmeter zum Jolimont, der trotz seines Namens definitiv in der Deutschschweiz liegt, und fahre dann hinab nach Erlach. Hier ist es Zeit für eine Pause. Danach ändert bei Vinelz die Fahrtrichtung erneut, diesmal auf Ost bis Nordost. Das heisst, die Bise, die bislang kein wirklicher Partner war, wird jetzt zum Gegner. Und sie macht auch keinen Hehl daraus, mir das sofort zu zeigen...

Bei der kurzen Steilsteile zur Hofmannsfluh springt die Kette und sorgt beinahe für eine Abstuhlung. Das verursacht einen kleinen Kurzschluss in meinem Ego, der sich in einer gewissen Lautstärke bemerkbar macht. Wie jetzt? Die Gangschaltung des neuen Bikes beginnt schon beim dritten Einsatz Mätzchen zu machen? Die anschliessende Fahrt über den Singletrail auf der Hofmannsfluh bietet nochmals einige schöne Ausblicke auf den Bielersee, da ist kein Platz für Ärger mit der Technik. Nach kurzem Downhill streife ich das Dorf Lüscherz und fahre auf schönen Wegen Richtung Hagneckkanal. Sind tatsächlich schon die Kirschen reif? Scheint so. Das ging aber schnell! Eben war ich doch noch auf der Baselbieter Kirschblüten-Tour...


Altstadt von Le Landeron mit Jura im Hintergrund
Altstadt von Le Landeron
Pfad durch den lichten Wald auf dem Jolimont
Trail über den Jolimont ob Erlach
Bielersee vom Jolimont aus
Blick vom Jolimont auf den Bielersee
Blick vom Jolimont auf Erlach und Petersinsel
Erlach mit Schloss und Petersinsel
Altstadt von Erlach
Erlach
Hagneckkanal mit Wasserkraftwerk
Wasserkraftwerk Hagneck

Auf schmalem Pfad folge ich leicht erhöht dem Hagneckkanal und verlasse damit allmählich den Bielersee. Bei Hagneck überquere ich den Kanal, folge diesem noch etwas weiter und erreiche später ein mir bis anhin unbekanntes Dorf namens Walperswil. Hier ist vor allem der Dorfladen interessant. Danach geht es eine Zeitlang über die Ebene Richtung Lyss. Hier zeigt mir die Bise, dass sie ordentlich Haare auf den Zähnen hat (oder so ähnlich). Aber wenigstens kühlt sie dabei auch ein bisschen. Warm ist es, doch die 35 Grad, welche der Velocomputer anzeigt, sind allemal übertrieben. Mittlerweile ist es irgendwie schon Abend geworden. Und jetzt zur Stosszeit durch Lyss? Merci bonjour!

Die Kleinstadt ist leider gar nicht so einfach zu umgehen, und prompt fahre ich versehentlich etwas weiter in den Ort hinein als geplant. Nicht tragisch, aber mir ist jeder Meter zu viel. Meine sehr kurze Rennrad-Karriere endete am 18. April 1998 in Zollikofen, als ein alter Mann, Brillenträger mit schätzungsweise 15 Dioptrien, mit seiner tonnenschweren Blechkiste erst über einen Stopp und dann mich über den Haufen fuhr. Ein Trauma habe ich zwar nicht davongetragen, nur mein kaputtes Rennrad. Ersetzt habe ich es nicht mehr. Der Autolenker war aber auf jeden Fall noch fahrtauglich, hatte er doch kurz zuvor beim Optiker ein 30 Zentimeter hohes "E" aus einer Entfernung von einem Meter nahezu problemlos von einem "P" unterscheiden können. Aber lassen wir das...

Mein Lysser Streifschuss endet problemlos, und bald wird es der Alten Aare entlang auch schon wieder grün und ruhig. Die Joggerdichte nimmt ebenfalls dramatisch ab, je weiter ich mich von der Seeländer "Metropole" entferne. Schliesslich bin ich wieder ziemlich einsam unterwegs in Richtung Bucheggberg im Kanton Solothurn. Bei länger werdendem Schatten fahre ich an Schnottwil vorbei und nehme nochmals ein paar wenige Höhenmeter über die Hügel des Bucheggbergs. Höher als etwa 650 m wird es allerdings nicht mehr gehen. So allmählich meldet sich ein alter Bekannter bei mir: mein Hintern. Lange hat er sich nicht mehr beschwert auf längeren Fahrten. Was ist denn in den gefahren? Möge er doch bitte den Mund halten...


Pfad zur Brücke bei Hagneck
Trail dem Hagneckkanal entlang
Pfad der Alten Aare entlang bei Lyss
An der Alten Aare bei Lyss
Blick vom Bucheggberg Richtung Burgdorf
Im Bucheggberg nahe Aetigkofen
 
Nach dem sanften Auf und Ab durch den Bucheggberg geht es bei Kräiligen über die Emme, dann durch Obergerlafingen und Recherswil, wo verkehrstechnisch zu der Zeit nicht mehr viel los ist (und wohl auch sonst nicht so). Querfeldein nehme ich im Anschluss die restliche Strecke, bevor der Velocomputer kurz vor Schluss der Tour noch die 150-Kilometer-Grenze knackt. Schön wars...
 
Höhenprofil
 
 
 
Tourdaten: Weite 150,6 km / Höhe 2630 m / Fahrzeit 9:04 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Bielersee-Rundtour
 

Freitag, 15. Juni 2018

Heute sorgenfrei...

Hurra, das schwülwarme Gewittergedöns ist weg! Auch wenn ich Gewitter mag, was zu viel ist, ist zu viel. Endlich kann man mal wieder rausgehen, ohne ständig damit rechnen zu müssen, verhagelt zu werden. Ich wische die Spinnweben vom Fattie, fahre los und lande mit Umwegen an der Aare, der ich eine Weile folge. Ich habe mich längst an das "dicke Fahrrad" gewöhnt, wie es mein Nachbar nennt. Aber manche Leute schauen einen an, als hätte man Schokoladenhörner am Kopf – und erst noch abstehende. Man fällt halt auf, ob man will oder nicht...
 
Nachdem Hubersdorf passiert ist, stehe ich am Dorfeingang von Niederwil. Hier entscheide ich mich, die Fahrtrichtung Westen beizubehalten und nicht auf Norden (sprich nach Günsberg) umzudisponieren, wie zuerst angedacht. In der Nähe von Oberrüttenen geht es kurzzeitig auf steilen und stark ausgewaschenen Wegen bergwärts. Teilweise sieht es hier mehr nach Bachbett aus als nach Weg. Selbst das Fattie kommt hier ab und zu aus der Spur. Aber mit ein wenig Kraft und gelegentlichem Fluchen ist alles fahrend zu meistern. Letzteres wird durch die ausgerechnet jetzt streikende Gangschaltung noch etwas verstärkt...
 
Schliesslich geht es wieder leicht hinab zum Forsthaus, dann folgen nochmals wenige Meter auf recht steilem, nassem Trail aufwärts. Mal eine andere Variante um Solothurn herum. Gar nicht übel. Etwas später befinde ich mich am Aufstieg zum Brüggli. Viel ist heute nicht los. Zwei Biker und zwei Wanderer sind ebenfalls bergauf unterwegs, das wars auch schon. Am Restaurant Brüggli fahre ich humorlos vorbei, steige noch etwas weiter hoch zur Höchschwang auf gut 1200 m und dann hinab zum Bettlachberg. Gatter, Morast, Gatter, Morast, Gatter, Gatter, Gatter lautet die Reihenfolge, und dann ist der Bettlachberg erreicht...
 
Hier öffnet mir eine freundliche, wandernde Frau das letzte Gatter und schliesst es wieder. Am Restaurant fahre ich anschliessend genauso humorlos vorbei wie vorher am Brüggli. Es geht ein paar Höhenmeter talwärts. Auf knapp unter 1000 m nehme ich die Abzweigung zum Bettlachstock. Es ist richtig schön, einfach wieder mal sorglos draufloszufahren, ohne zu riskieren, vom Wettermacher unter Strom gesetzt oder gesteinigt zu werden. Gesteinigt werden kann man allerdings auch am Bettlachstock. Mit dem Berg ist nicht zu spassen. Er ist ständig in Bewegung. Im unteren Bereich blockieren immer mehr Gesteinsbrocken den Weg...

Pfad dem Hang entlang zum Brüggli
Auf dem Weg zum Brüggli
Naturreservat Bettlachstock
Auf dem Bettlachstock
Pfad durch die Schlucht des Brügglibachs
In der Schlucht des Brügglibachs
 
Der Weg wurde vor etwa fünf Jahren instand gesetzt, als der verwaiste Bauernhof auf dem Berg abgebrochen und gesprengt werden musste. Da der Weg jetzt wohl keinen Zweck mehr hat, ist nicht anzunehmen, dass er jemals wieder ausgebessert wird. Umso weniger, als er durch ein Naturreservat führt. Noch ist er jedoch recht gut passierbar. Der letzte Kilometer ist zwar frei von Gestein und gut fahrbar, jedoch sacksteil. Oben erwarten einen die Überreste des gesprengten Bauernhauses, welche sich die Natur mehr und mehr zurückholt. Ein Teil der ehemaligen Scheune dient als Unterstand mit einer Sitzbank...

Nix los hier oben auf 1246 m. Genau richtig so. Nach kurzer Pause nehme ich ein paar Singletrails den Berg runter Richtung Brügglibach und durch die Schlucht. Ein bisschen Höhe will ich noch behalten. Diese ist nämlich nützlich dabei, Solothurn zu umfahren. Lommiswil streife ich nur ganz in Norden, dann geht es eine Zeitlang durch den Wald, bis mich dieser bei Rüttenen wieder ausspuckt. In Rüttenen ist das wohl häufigste Verkehrszeichen der Schweiz in mehrfacher Ausführung zu sehen: Baustelle. Ich komme aber noch wie gewohnt durchs Dorf und nehme im Anschluss die wenigen Höhenmeter zur Martinsfluh...
 
Hier oben schaffe ich etwas, was ich selbst in der Theorie für unmöglich gehalten habe: Ich verfahre mich. Um einen Singletrail nicht zu finden, der direkt der Fluh entlang führt, benötigt man wirklich Jahrhunderttalent. Umso mehr, wenn man ihn nicht zum ersten Mal fährt. Wie durch ein Wunder finde ich ihn doch noch und verliere darauf weiter an Höhe. Ich lande beim Dorf Riedholz und vernichte die letzten Höhenmeter bis zur Aare. Dieser folge ich, passiere danach Deitingen und nehme den Deitingerwald-Trail Richtung Inkwilersee. Dem seichten Gewässer entlang geht es die letzten Kilometer nach Hause...

Kornfeld mit Blick auf Solothurn
Blick ins weite Rund bei Lommiswil
Pfad durch den lichten Wald
Pfad im Deitingerwald
Inkwilersee
Inkwilersee
 
Die Wetterprognose für die nächste Woche stimmt schon fast euphorisch. Euphorie grenzt jedoch an Naivität, daher setze ich lieber noch auf Vorsicht statt Vorfreude. Sollte es aber tatsächlich so kommen, müsste mal wieder eine grössere Tour drin liegen...
 
 
Höhenprofil
 
 

Tourdaten: Weite 75,8 km / Höhe 1730 m / Fahrzeit 4:52 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Brüggli / Bettlachstock
 

Freitag, 25. Mai 2018

Am grössten Moorsee der Schweiz...

Heute scheint uns einer der wenigen Tage zu erwarten, an denen es einfach mal bedingungslos trocken ist. Somit komme ich endlich dazu, die Tour zu erledigen, die seit dem 7. Mai aufgeschoben wird. Etwa um 07.45 Uhr kommt das neue Bike zu seinem zweiten Einsatz. Es rollt zuerst nach Wangen, dann in westlicher Richtung der Aare entlang und schliesslich leicht aufwärts nach Flumenthal. Dort ist sein Fahrer noch immer restlos begeistert, dass die Aare Seeland mobil mit einer Ausnahme alle Bahnübergänge geschlossen hat und er eine kleine Dorfrundfahrt machen darf. Etwas später lande ich zum ersten Mal in diesem Jahr an der alten Balmbergstrasse und nehme die sehr steile Naturstrasse in Angriff...
 
Die Einfach-Schaltung des neuen Bikes hat den Vorteil, schön schlank zu sein – allerdings auch den Nachteil, nur noch über zwölf Gänge zu verfügen. Somit sind die Sprünge zwischen den einzelnen Gängen grösser als vorher. Und so schalte ich an den steilsten Stellen immer zwischen dem kleinsten und dem zweitkleinsten Gang hin und her. Der eine ist mir zu leicht, der andere eher etwas zu schwer. Daran muss ich mich gewöhnen. Schlussendlich stehe ich nach einer bedächtigen Auffahrt auf dem Balmberg. Das nächste Etappenziel ist Gänsbrunnen. Statt via Weissenstein nehme ich heute den sehr schönen Trail durch den Schofgraben, den ich lange verschmäht habe...

Die Schofgraben-Linie ist eigentlich natürlicher, da man bis Gänsbrunnen nur drei Meter Teer fahren muss: nämlich beim Kreuzen der Weissenstein-Passstrasse. In der Schlucht ist es stellenweise sehr eng – Vorsicht wie Rücksicht sind hier umso mehr angebracht. Nachdem die Schlucht hinter mir liegt, geht es nochmals ein paar Höhenmeter bergwärts, dann wartet der Downhill nach Gänsbrunnen. Der Kanton wechselt von Solothurn zu Bern, die Sprache von Deutsch zu Französisch. Einige Kilometer später kann ich eingangs Moutier bei einem Tankstellenshop meine Getränkevorräte auffüllen. Danach folgt ein ganz kurzer Abschnitt auf der Hauptstrasse. Dort, wo diese nach Delémont abzweigt, biege ich auf einen ansteigenden Singletrail ein. Schlagartig wird es grün und ruhig...

Pfad durch die enge Schlucht
Schofgraben
Quellbrunnen im Schofgraben
Quellbrunnen
Schmaler Pfad dem Bach entlang
Dem Schofbach folgend...
 
Auf dem Trail lässt sich der Ortskern Moutiers prima umgehen. Am Ende ist noch ein Aussenquartier zu durchfahren, dann ist die Stadt der Schafböcke und Wildschweine (Béliers und Sangliers) für heute Geschichte. Perrefitte ist im Anschluss für längere Zeit das letzte Dorf, das ich heute sehe. Hinter dem Ort wartet ein kurzer, aber recht nahrhafter Aufstieg. Meine Hoffnung, dieser könnte zu der Jahreszeit noch barrierefrei sein (sprich die Gatter offen), zerschlägt sich rasch. Alles zu. Schätzungsweise sieben oder acht Gatter und Zäune sind zu öffnen, da kann kein wirklicher Fahrrhythmus aufkommen. Und von den etwas zahlreicher gewordenen Quellwolken hat leider keine den Mut, sich wenigstens kurz vor die Sonne zu setzen, die hier am waldlosen Hang ziemlich einheizt...
 
Trotz der vielen Barrieren ziehe ich diesen Aufstieg der Strasse zehnmal vor. Nach gut anderthalb Kilometern sind rund 300 Höhenmeter erledigt, und es geht mit moderater Steigung dem Hang entlang Richtung Les Ecorcheresses. Die Gegend wird allmählich etwas bikefreundlicher, indem immer mehr Übergänge den Weg säumen. So lassen sich Zäune und Gatter fahrend passieren. Allerdings passt der deutlich breitere Lenker des neuen Bikes nicht überall durch. Nach einem Wettrennen mit Kühen, die innerhalb eines Geheges mitrennen, erreiche ich oberhalb von Sornetan eine schmale Teerstrasse, die nochmals etwas ansteigt. Eine kurze Abfahrt, dann weitere 250 Höhenmeter hinauf, und es folgt oberhalb von Tramelan auf 1184 m der vorläufige Höchstpunkt der Tour...

Steiler Pfad hinab nach Gänsbrunnen
Kurz vor Gänsbrunnen
Pferde auf der Weide bei Montbautier
Bei Montbautier
Wiesenpfad durch den lichten Wald
Wiesentrail oberhalb von Tramelan
 
Einige Kilometer Single- bzw. Wiesentrail führen in leicht erhöhter Lage an Tramelan vorbei nach Les Reussilles. Jetzt kommt allmählich Freibergefeeling auf: Weite Wiesen, die typischen Häuser und natürlich die Pferde, die hier auch im Wald frei herumlaufen und keineswegs scheu sind. Die weiten Landschaften, die man hier noch findet, verkommen in unserem Land des massvollen und nachhaltigen Wachstums immer mehr zur Rarität. Nachhaltiges Wachstum – eine Illusion, an die bekanntlich nur zwei Gruppen glauben: Idioten und Ökonomen. Aber lassen wir das. Mittlerweile sind ein paar dickere Quellwolken aufgezogen. Obwohl die Freiberge eine Gewitterküche par excellence sind, bin ich zuversichtlich, heute nicht in den Genuss einer vorzeitigen Dusche mit Discoeinlage zu kommen...

Einzelhöfe in den Freibergen
Bei La Chaux-de-Tramelan
Bahnübergang mit Zug auf einer Weide
Mit Zug durch die Freiberge...
Pferde auf einem Waldweg
Freiberger der Freiberge
 
Die Luft ist einfach zu klar, sprich zu trocken. Schliesslich erreiche ich nach gut 75 Kilometern mein heutiges Ziel, den Etang de la Gruère, der nicht etwa mit dem Lac de la Gruyère zu verwechseln ist. Wenn es in den Franches-Montagnes so etwas wie einen Hotspot gibt, dann ist der genau hier. In der Tat ist auf dem Parkplatz bei der Sägerei so ziemlich jedes Kantonskennzeichen vertreten. Nicht auszudenken, wie das hier an schönen Wochenenden zugeht. Der Etang de la Gruère, seines Zeichens grösster Moorsee der Schweiz, ist in der Tat ein sehr schöner, fast etwas mystischer See. Irgendwie könnte man fast meinen, man befände sich in Kanada. Der eigentliche Weiher (Etang = Weiher, Tümpel) wurde einst für die nahe gelegene Sägerei gestaut...

Etang de la Gruère
Etang de la Gruère
Etang de la Gruère
Dem Ufer entlang Richtung La Theurre
Etang de la Gruère
Südlichster Punkt des Etang de la Gruère
 
Umrundet wird er nicht nur von einem hölzernen Weg, sondern auch von der 1000er-Höhenlinie. Ich folge dem See einige Hundert Meter dem Südufer entlang, mache ein paar Fotos, und entferne mich dann. Auf einem moorigen und entsprechend nassen Weg geht es zum Hof Le Gros Bois Derrière, dann auf weiteren Wiesenpfaden zurück nach Les Reussilles. Meine Getränkevorräte werde ich heute für einmal in Tavannes auffüllen und somit das wenig charmante Tramelan umfahren. Ganz kampflos lässt sich das Dorf aufgrund seiner Lage aber nicht umgehen; im Osten streife ich es noch und muss ein paar Meter auf Teer hinabfahren. Einheimische kennen vielleicht Schleichwege. Schliesslich geht es runter Richtung Tavannes, wo die erwähnte Trinkpause angesagt ist...

Pâturage du Gros Bois Derrière
Pâturage du Gros Bois Derrière
Singletrail nach Tavannes
Auf dem Weg nach Tavannes
Weg nach Tavannes bei La Chavanne
Tavannes kommt in Sichtweite
 
Das unscheinbare Bächlein, das durch Tavannes (deutsch: Dachsfelden) fliesst, trägt einen bekannten Namen: Birs. Diese entspringt am südlichen Ende des Dorfes. Nach der kurzen Pause wartet der gut 500 Höhenmeter starke Aufstieg zum Montoz-Plateau. Auf teils sehr einsamen Wegen geht es an einem alten Skilift vorbei zum höchsten Punkt meiner Tour auf knapp 1300 m. Die Fahrt über die Hochebene ist immer wieder schön, auch wenn (oder gerade weil) technisch völlig anspruchslos. Beim Oberen Bürenberg folgt dann ein schöner und wichtiger Verbindungsweg abwärts zum Bürenchopf. Auf diesem Singletrail überquert man nebenbei die Kantons- und somit auch die Sprachgrenze. Nach einer Gegensteigung von knapp 100 Höhenmetern stehe ich beim Wäsmeli auf 1104 m...

Alter Skilift beim Fuelliloch
Alter Skilift oberhalb von Tavannes
Montoz-Plateau bei La Rochette
Unterwegs auf der Montoz-Hochebene
Lommiswil, im Hintergrund Solothurn
Blick Richtung Solothurn nahe Lommiswil
 
Der Rest des Abstiegs beginnt auf Teer, wechselt dann zu Singletrail und schliesslich zu Feldweg. Dann ist Lommiswil erreicht. Via Oberdorf, Rüttenen und Riedholz geht es um Solothurn herum runter an die Aare. Bei bereits ziemlich tief stehender Sonne nehme ich den Rest der Aare und später dem Inkwilersee entlang nach Hause. Der "Bad Leg Day" vom 21. Mai war heute kein Thema mehr, zumal meine Vorbereitung auch seriöser war. Etwas länger als geschätzt wurde die Tour, die bedrohlich an die 150 Kilometer heranreichte...

Höhenprofil



Tourdaten: Weite 146,9 km / Höhe 3120 m / Fahrzeit 9:54 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Etang de la Gruère